The Big Short

Von  //  23. Januar 2016  //  Tagged: , , , ,  //  1 Kommentar

Adam McKays Big Short ist ein amerikanisch gedachter Film über das Schicksal des Scheiterns als Folge zu vieler Möglichkeiten. Ein Film, der die schnieken grauen Herren der Wall Street mit zu engen Krawatten um Hälse, die nicht voll zu bekommen sind, bereits zu Beginn in die geheime Amoralität eines bis dahin prüden Amerikas schickt. Einen Abschluss feiert ein Broker naturgemäß im Stripclub. Bereits zu Beginn wird hier das Prinzip des Films deutlich: Der unmündige Zuschauer bekommt erklärt, was er eigentlich nicht hören will; dazu bekommt er zu sehen, was er sehen will. Margot Robbie erklärt Börsengeschäfte aus der Badewanne, Selena Gomez am Roulette Tisch. Daneben singt Frank Sinatra elegisch darüber, was Leben ist, während Verträge unterzeichnet werden. Und das Thema aus dem Phantom der Oper begleitet routierende Glücksspielautomaten.

In der Werbung gibt es das Prinzip der Austauschbarkeit. Emotional aufgeladene Bilder werden nacheinander abgefeuert, ohne dass es einen Bezug zwischen Gesagtem und Bildsprache gibt. Man könnte jeden Text über jeden Spot legen, ohne dass man den Unterschied merken würde. Dieses Prinzip erinnert an einige Sequenzen in “The Big Short”. Das Durcheinander von Gesehenem und Gehörtem prägt den Film. Das iPhone wird vorgestellt, dann eine Umarmung während einer Familienzusammenführung, vorher ein gemütliches Diner und eine Unterhaltung im Büro über eine Hodenkrankheit, schließlich schießt ein Covergirl Geld aus einer Pistole. Amerikanische Kulturgüter werden gestapelt, neuverpackt, aufgespalten und dichtgedrängt. Dabei wird auch der amerikanische Traum neuverpackt, missverstanden und verdrängt. Alles tun zu können bedeutet alles kaufen zu können, bedeutet flüssig zu sein, bedeutet investieren zu können, bedeutet den anderen auszutricksen, bedeutet seinen eigenen Vorteil zu erkennen und zuzugreifen, bevor der andere es tut. Allerdings verlangt dieser Konsum- und Investment-Traum ständig zur Verfügung stehende Geldmittel. Und was ist wenn diese nicht mehr zur Verfügung stehen? Dann tut man so als ob. So wird der amerikanische Immobilienmarkt zur Blase, die jederzeit bereit ist, zu platzen. Wer sich mit der Nadel nicht nur ran wagt, sondern auch bereit ist fest zuzustechen wird als Gewinner hervorgehen. Das Kaputte verbeugt sich letztendlich nur vor den Füßen seines Zerstörers. So shortet man, so wettet man gegeneinander, gegen die Erwartungen, gegen die Wirtschaft und dann wartet man auf den Fehler der Anderen. Das tut der sonderbare Einzelgänger Michael Bury (Christian Bale) genau so wie der widersprüchliche Mark Baum (Steve Carell). Die jugendlichen Neueinsteiger versuchen es zum ersten Mal und der Aussteiger Ben Rickert (Brad Pitt) tut es zum letzten Mal. Jeder bekommt seine Chance, aber nur der beste wird erfolgreich sein. Die Protagonisten kennen die Regeln des Börsianerdarwinismus und Mark Baum ist zunächst, Ben Rickert permanent Gegner des laissez-faire Kapitalismus, dennoch kann sich keiner seinem Reiz entziehen. Was passieren muss, passiert eben, so lange man selbst als Gewinner hervorgeht. Hier treffen sich Kapitalismus und Anarchie auf dem rechten Flügel der Gesellschaft. Ein Anarchismus der Chance, dessen Hauptgewicht auf dem Einzelnen liegt, der sein Glück machen will und es entweder schafft oder dabei scheitert. Solidarität mit den Schwachen wird hierbei vernachlässigt. Wer muss darunter leiden, wenn die Blase platzt? Hier wird ein bulliger tätowierter Mann im Unterhemd vorgestellt. Der Tätowierte sieht aus, als solle er niemandem Leid tun, wie er mit seinem Sohn spricht, tut er es aber. Der gewaltige Mann steht hier stellvertretend für den kleinen Mann. Derjenige, der in Börsenkreisen bloß als Zahl erfasst und übergangen wird. Es geht um ihn, er bleibt aber sprachlos. McKay lässt ihn hier nicht zu Wort kommen. Die Leidtragenden müssen schweigen.

Die individualistische Anarchie zeigt sich auch in der Sprache des Films: Zu dem ausgelieferten Zuschauer sprechen dürfen die Dreisten und die Unkontrollierten. Die rezeptionsleitende Instanz Jared Vennet (Ryan Gosling) ist aalglatt und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Spricht er Beiseite, vertraut man ihm zunächst nicht. Er stellt sich dar, ist arrogant. Er will gewinnen. Er spricht es aus. So scheint er letztendlich die ehrlichste Figur in dem Film zu sein. Aus ihm spricht eine Nation, die sich zunächst als Individuum sieht und dann erst als Teil eines Ganzen. Und wer sollte auch sonst zum Publikum sprechen, wenn nicht Vennet als kommunikatives Symptom des Systems. Mark Baum unterbricht sein provokatives Zwischenrufen, Michael Bury putzt sich während eines Geschäftsgesprächs die Zähne und beruhigt sein inneres Unverständnis und seine Wut mit “Master of the Puppets”. Er versteht den Menschen nicht, er will ihn nicht verstehen und verschließt sich ihm. Bury wird zum Symbol eines kapitalistischen Sytems, indem ökonomische Interessen Vorrang vor humanistischen Idealen haben. Er wisse nicht, wie man sarkastisch sei, er wisse nicht, wie man witzig sei, er wisse nicht wie man manipulativ sei, aber er weiß wie man Zahlen liest und im eigenen Interesse auswertet. Er ist der “Master of Numbers”. Allerdings kann dieser Weg, wenn einmal gewählt zu einer unbefriedigenden Leere führen, die Bury nicht überwinden kann, egal wie häufig er noch auf sein Schlagzeug eindrischt. Der Film flüstert uns hier subtil etwas ein, was die Figur des Ben Rickert mit Paukenschlägen erzählen möchte. Die überspitzte Darstellung seines Ökofetischismus brüllt dem Zuschauer ins Gesicht, dass das Individuum Vorrang haben muss, dass der Mensch wichtiger ist, als das System, als das Geld. Aber man kann ihm nicht zuhören, man kann ihn nicht Ernst nehmen, diesen alten Mann mit Mundschutz und Vorliebe für Biosamen. Denn er ist kein ernstzunehmender Gegner, sondern übersättigter Profiteur des Systems. Vor ihm steht ein Eimer voll Chicken Wings, und er schreit den Hungrigen ins Gesicht er wolle keine Chicken Wings. In diesen feinen Nuancen liegt die ganze Komik des Films. Alle Handelnden wirken wie Clowns aus der Stummfilmzeit. Es macht Vergnügen der Tücke eines unkontrollierbaren Objekts zuzusehen. Das Motto ist nach Laurel und Hardy “Here’s another fine mess you`ve gotten me into” und das Chaos ist ein unkontrollierter Kapitalismus. Ein Spielball der vollkommenen Zerstörung. Tit for tat. Ein langsamer, disziplinierter, häufig berechneter, dennoch unvorhergesehener Untergang. Ein Untergang, der der Wall Street gerecht wird. Und am Ende sehen sich die zwei jugendlichen Außenseiter, das Gebäude von innen an. Sie wollten unbedingt eindringen und jetzt können sie. Die Kinder haben die Wirtschaft bezwungen, das Chaos gehört ihnen. Und am letzten Tag sehen sie, dass es nicht gut war: “I have nothing to say.”

The Big Short, 2016, Regie: Adam McKay

 


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