Foxtrot

Von  //  14. Juli 2018  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Trinken Sie Wasser. “Foxtrot” zeigt die Gefährlichkeit von Kamelen im Straßenverkehr.

Eine Namensverwechslung und die Verwechslung einer Dose mit einer Granate bestimmen das Geschehen mit tödlichen Folgen. Die Suggestion noch einer Verwechslung erscheint am Handlungshorizont und macht den Film zum Gleichnis. Der Architekt Michael Feldmann überlebte seinen Wehrdienst nur deshalb, weil er als Kolonnenführer, „ohne zu wissen warum“, den hinter ihm Fahrenden an sich vorbei winkte, so dass jener direkt vor ihm auf eine Mine fuhr, die den Jeep und seine Besatzung zerriss. War die Mine für Feldmann bestimmt gewesen und seine Verschonung eine Verwechslung?
Der Film wirkt wie Theater. Eine großbürgerliche Wohnung dient dem ersten Akt als Schauplatz. Die Kamera inspiziert Räume, in denen das Design in matten Farben triumphiert. Abstufungen von grau schaffen Ton-in-Ton-Ansichten. Ein geschulter Gestaltungswille tritt wie Schweiß aus den Poren der Gegenstände und bildet einen Film als Vorstufe einer Patina des Unglücks. Zu den Emanationen des Willens gesellt sich eine monumentale Erschütterung. Sie nimmt in zwei Personen Platz, die als Eltern ihre Schmerzgrenzen erreichen. Die Mutter bricht zusammen, der Vater versteinert.
Der zweite Akt spielt an einem Kontrollposten in der Wüste. Von Langeweile angefressene Wehrdienstleistende bewachen eine Schranke, die sie täglich für ein selbständiges Kamel hochgehen lassen. Im Rahmen der Vorschriften versuchen die kaum Erwachsenen seelisch nicht vor die Hunde zu gehen. Die Party ihres Lebens wurde unterbrochen, ihre Unterkunft versinkt im Morast.
Im letzten Akt kiffen sich die Eltern in eine fragwürdige Verbundenheit. Der Tod ihres Sohnes entzweit und vereint sie abwechselnd. Sie haben nur noch sich. Die Hinterbliebenen lassen selbst Angehörige zurück. Das erkennt Tochter Alma. Sie hat die Eltern gemeinsam mit ihrem Bruder Jonathan verloren.
„Foxtrot“ verbirgt seine biblische Dimension hinter Modernitätszeichen und narrativer Unzuverlässigkeit. Die Episoden wirken disparat, jede einzelne könnte einen anderen Film auf- oder fertigmachen. Die in der Wüste an die Sinnlosigkeit gefesselten Jugendlichen bewohnen einen anderen Planeten als das dezent vornehme Ehepaar Dafna (Sarah Adler) und Michael Feldmann (Lior Ashkenazi) im ersten Durchgang. Der Glanz verflüchtigt sich in Minuten.
Auf einem Vorhof des Elends erfahren die gerade noch Glänzenden vom Heldentod ihres wehrpflichtigen Sohnes. Die Überbringer der Nachricht sind getrimmt. Sie versorgen die ohnmächtige Dafna medizinisch und stellen Michaels Telefon so ein, dass es ihn alle sechzig Minuten daran erinnert, Wasser zu trinken.
„Trinken Sie, auch wenn Sie keinen Durst haben.“
Der Film verweilt bei dieser entmündigenden Ermahnung, bis ihre Penetranz auch für den Zuschauer zur Zumutung wird. Man möchte Michael helfen, die uniformierten Milchbärte vor die Tür zu setzen. Doch jetzt kommt der Militär Rabbi ins Spiel und sagt:
„Es gibt doch immer den Freund mit der Gitarre, der kann auf der Beerdigung das Lieblingslied ihres Sohnes singen. Sie können auch ein Gedicht vortragen, bloß in den Sarg dürfen sie nicht gucken.“
„Ist denn überhaupt noch etwas von ihm übrig?“ fragt Michael, eingedenk der vor achtzehn Jahren hochgegangenen Mine. War sie mit seinem Namen vergraben worden? Hatte sein Sohn mit dem Tod eine Schuld des Vaters beglichen?
Der nächste Augenblick annulliert den tragischen Verlauf. Eine Namensverwechslung verlangt ihre Aufklärung, Dafnas und Michaels Jonathan erfüllt weiter seine Pflichten im Schmodder von Nirgendwo. Er zeichnet einen Comic, tätowiert einen Kameraden, tanzt Foxtrott mit seinem Gewehr. Der Tanz kommt für ihn aus einer untergegangenen Welt, in der seine Großmutter als einzigen Besitz eine Tora nach Israel rettete und da zum unverkäuflichen Erbstück erklärte. Die Tora sollte an den ältesten männlichen Nachkommen jeder künftigen Feldmann Generation weitergegeben werden, sobald der Garant des Fortbestands wehrpflichtig sein würde. Eines Tages tauschte Michael den Familienschatz gegen ein erotisches Magazin. Er teilte mit seinen Freunden das Vergnügen, bis sich die Seiten nicht mehr blättern ließen. Er vererbte dem Sohn ein antikes Playboy Heft am Tag von Jonathans militärischer Einschulung als Hommage an die Libertinage.
Der Vater verlangt nun, dass man ihm den Jungen aushändigt zum Beweis der Lebendigkeit. Er interveniert bei einem General. Während die Volte ausgeschmückt wird, hallt das indirekt begrüßte Unglück anderer Eltern nach. Die Ermahnungspenetranz wiederholt sich in der ungläubigen Freude von Dafna und Michael darüber, dass sie die falschen Adressaten der Todesnachricht sind. Die Manier kippt ins Burleske, so endet der erste Akt.
Die europäischen Physiognomien der kindlichen Soldaten wirken wie Einwände gegen ihren wüsten Standort; als gehörten sie da gewiss nicht hin. Als ergäbe sich aus ihrer Deplatzierung eine zusätzliche Gefährdung. Es folgt die Verwechslung der Bierdose mit einer Granate. Jonathan schickt einen Feuerstoß in eine Fahrzeugkabine und fährt selbst zur Hölle der Schuldgefühle.

„Foxtrot“, Spielfilm, Israel, Schweiz, Deutschland, Frankreich 2017. Regisseur: Samuel Maoz. Mit Sarah Adler, Lior Ashkenazi, Yonaton Shiray, Shira Haas

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