Bohemian Rhapsody

Von  //  14. November 2018  //   //  Keine Kommentare

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Man begegnet sich in den miefig-gediegenen Verhältnissen von Einwanderern, die in London bürgerlich angekommen sind. Bomi Bulsara lebt vorbildlich in formaler Strenge nach Geboten des Zarathustra. Die Musiker, mit denen sein Sohn Farrokh, genannt Freddie, eine Band bildet, soll dessen biografischen Background begreifen. Bulsara lässt das gepolsterte Familienfotoalbum herumgehen und erklärt: „Wir sind Parsen, unsere Vorfahren flohen vor tausend Jahren von Indien nach Sansibar.“

Seine Zuhörer staunen. Ihnen hatte Freddie weisgemacht, in London geboren zu sein. Sie ziehen ihren Sänger auf, Freddie windet sich und findet Papa peinlich. Er fühlt sich von seiner Herkunft eingeengt. Die Vergangenheit soll ruhen. Was zählt, ist die glänzende Zukunft von Queen. Das ist eine Band mit Potential. Täglich gibt es auf dem Weg nach oben etwas zu feiern. Freddie verkündet, eine Namensänderung vorgenommen zu haben. Von jetzt an ist Freddie nicht mehr nur ein Spitzname, sondern amtlich. So amtlich wie Mercury.
Die Züge des Vaters entgleisen. Seine Religion kennt keine Lockerungen. Der Zoroastrismus ist persischen Ursprungs. Seine indischen Anhänger nennen sich Parsen. Die Parsen auf Sansibar, wo Freddie Mercury 1946 als Farrokh Bulsara geboren wurde, mussten nach einer Revolution im Januar 1964 den oft besungenen Archipel vor dem afrikanischen Festland verlassen, „mit nichts außer dem, was wir am Leib trugen“.
Freddie Mercury war erst kurz zuvor aus einem indischen Internat zurückgekehrt. Er hatte schon eine Menge von der Welt gesehen, als er in London vom Goldfieber erfasst wurde und sich selbst neu erfand – im Zuge einer Verweigerung der Annahme von Implikationen und Komplikationen seiner Abstammung. Diesen Kraftakt der Selbstschöpfung vollbringt Freddie Mercury noch einmal als HIV-Positiver – zu einer Zeit, als die Diagnose den Tod verkündete. Der Film beginnt und endet mit dem Auftritt von Queen beim Live Aid Konzert am 13. Juli 1985 im Wembley Stadion. Er beginnt und endet mit kolossalen Ansichten und einem überwältigenden Freddie Mercury, der (nach einer schlechten Zeit in München) noch einmal seine Hochform findet, eingedenk der Erkenntnis, gar nicht falsch singen zu können, wenn das Publikum erst einmal ergriffen ist. In Wembley hat die Ekstase Seriencharakter. Trotzdem signiert Freddie Mercury dem Publikum sehr persönlich „ein Stück vom Himmel“.
Der Rest ist zwar sehenswert, aber stets vorhersehbar. Man beobachtet Freddie Mercury, gespielt von Rami Malek, als jobbenden Designstudenten auf der Galeere einer Flughafengepäckabfertigung. Er ist der „Paki“ unter Rowdys. Er verwahrt sich gelangweilt. Er empfiehlt sich Freizeitmusikern auf der Suche nach einem neuen Sänger. Er entzückt die Verkäuferin Mary Austin, „die Liebe seines Lebens“. Die beiden versuchen miteinander glücklich zu werden. Die Seelen koinzidieren. Die Sexualität kollidiert mit den Präferenzen. In Wembley sieht man sie versöhnt. Der Film verschweigt, dass Mary Austin Freddie Mercury backstage ihr Baby präsentierte. Zunächst hatte ihr Freddie Mercury zum Vorwurf gemacht, (nicht von ihm) schwanger geworden zu sein.
Lucy Boynton spielt Mary Austin so, dass mir Anita Pallenbergs elegische Extravaganz in den Sinn kam. Blass und spröde. Dezent lebhaft. Beteiligt ohne Schwur. Freddie Mercury versucht Mary Austin einzuspinnen, aber sie lässt sich nicht blenden von den Sonnenschildern seiner Zuneigung. Sie sagt ihm, dass er schwul ist. Sie erscheint als Kassandra und träumt Freddie Mercurys Untergang voraus. Sie weissagt, dass er seine Stimme verlieren wird.
Ich beschäftige mich mit Microspots, um von der Hauptachse einer grandios bebilderten Aufstieg- und Fallgeschichte herunterzukommen. Der erste Plattenvertrag, die erste Plattenaufnahme, der erste BBC Auftritt (Playback zum Verdruss der Musiker), die erste Amerikatournee, der erste Fernfahrersex auf einem Autobahnraststättenklo. Die Theatralisierung des Rock. Bohemian Rhapsody. Rock als Operette. Das Absaugen der Clubatmosphären.
Die Band als Opposition einer Sängerregierung. Das ist wieder interessant, die Schilderung der erdigen Kongenialen. Sie sind nicht bloß Gefolgsleute eines Fürsten. In einer Szene rät Freddie Mercury dem aus Hampton, Middlesex, gebürtigen, von Gwilym Lee gespielten Gitarristen und Astrophysiker Brian May einen neuen Look im Discostyle. Anders gesagt, er soll zum Friseur. Das ist mit May nicht zu machen.
Lee ist in diesem Film mein Lieblingsschauspieler. Seine unaufdringliche, Freddie Mercury manchmal ärztlich zugewandte Art, erzählt noch mal die Siebzigerjahre im Starschnittformat. Ich denke an Föhnwellen vor Reihenhäusern. – An Bassisten und Schlagzeuger mit ihren geheirateten Vorstadtschönheiten und nie preisgegebenen Gewohnheiten der englischen Arbeiterklasse; privat unglamourös; die Bühne als Arbeitsplatz begreifend.
Das ist eine Variante, an die mich Lees Spiel erinnert. Ben Hardy verkörpert den explosiven Charakter des Schlagzeugers Roger Taylor. Es baut seine Rolle im Gefüge raumgreifend aus und setzt sich gegen Freddie Mercurys Überflügelungen zur Wehr.
Joseph Mazzello spielt den Bassisten John Deacon. Man sieht fast nichts von ihm, die Zurückhaltung kontrastiert Freddie Mercurys Exzessstil.

Bohemian Rhapsody, USA/UK 2018. Regie: Bryan Singer. Mit Rami Malek, Lucy Boynton, Gwilym Lee, Ben Hardy, Joseph Mazzello, Aidan Gillen, Mike Myers

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